
Europas heimliche Weltstadt
(zitiert nach Niclas Müller, in ADAC Motorwelt, Januar 2010)
Nur Paris und London haben mehr Einwohner als das Ruhrgebiet. Im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt wollen 53 Kommunen eine Metropole werden.
Doch reicht die einende Kraft von Kunst-Events?
Die Eröffnungsfeier hat unter dichtem Schneetreiben stattgefunden und mit dem Song von Herbert Grönemeyer „Komm zur Ruhr“ seinen Höhepunkt gehabt.
In den nächsten zwölf Monaten feiert das Ruhrgebiet, der graue Riese voller grüner Inseln, seine Aschenputtel-ähnliche Verwandlung vom grauen Kohlenpott zu einer Stadtlandschaft, die Theaterintendant Claus Peymenn schon in den 80er-Jahren „das New York Europas“ genannt hatte. 2500 exquisite Kulturveranstaltungen und spektakuläre Volksfeste sollen Millionen Touristen und Tagesgäste aus dem In- und Ausland begeistern. „Aber es ist nicht so, dass wir nur toll aussehen und ein schönes Programm machen wollen“, sagt Pleitgen. „Wir sind kein Festival, kein Ober-Salzburg. Unser Auftrag ist viel umfassender.“ Das Event-Jahr im Westen soll durch die Kraft der Kultur eine gebeutelte Region aus 53 Städten und Gemeinden zur Metropole zusammenschweißen. Fachleute behaupten, dass der Strukturwandel von der Industrie- zur Forschungs-, Kultur- und Freizeitregion längst vollzogen sei.
Die Süddeutsche Zeitung hat über die geplanten Großereignisse des Kulturjahres bereits am 9.01. 2010 kritisch berichtet:
„Picknick auf der gesperrten Autobahn
Mehrere ambitionierte Großprojekte - wie etwa "Zollverein unter Tage" - mussten abgesagt werden, geblieben ist vor allem ein Flickenteppich aus Veranstaltungen, der "eine der ungewöhnlichsten und reichsten Kulturregionen in Europa" (Pleitgen) abbilden soll. Aber die "starken, neuen Bilder", die sich Pleitgen als Katalysator für ein neues Image erhofft, gehen dann doch eher von zwei oder drei Großveranstaltungen aus.
Ende Mai etwa werden im Revier neun Tage lang rund 350 gelbe Ballons in der Aktion "Schachtzeichen" weithin sichtbar über ehemaligen Bergwerksschächten schweben, um sowohl von der Wurzel wie auch Veränderung zu künden. Und wenn am 18. Juli die Ost-West-Autobahn A 40 auf rund 60 Kilometern gesperrt wird, um darauf ein Picknick als kollektives Happening zu feiern, bekommt mancher vielleicht einen Eindruck von der schieren Größe dieser Region mit ihren rund fünf Millionen Einwohnern und einer Fläche von etwa 4435 Quadratkilometern.
Gleichwohl ist das Revier, obgleich drittgrößter Ballungsraum Europas, keine klassische Metropole, auch wenn Fritz Pleitgen gern vom "German New York" schwärmt. Aber das Ruhrgebiet ist eben nicht New York, sondern Essen, Dortmund, Bottrop und Herne.“
Das Etikett „Kulturhauptstadt“ wird beim Aufpolieren des alten Image helfen. Seit 1985 bestimmt der EU-Rat jährlich mindestens einen Ort zum Träger des Ehrentitels. 2010 tragen ihn neben der Metropole Ruhr auch Istanbul und Pecs in Ungarn. Eine deutsche Stadt ist alle elf Jahre an der Reihe. 1988 war es West-Berlin, 1999 Weimar. Eigentlich sind gar keine Regionen zugelassen. Deshalb bewarb sich Essen gegen 16 andere deutsche Orte – darunter Bremen, Potsdam, Kassel, Halle, Görlitz – stellvertretend für alle 53 Ruhrgebiets-Kommunen. Ein erster, fast revolutionärer Schritt für bis dahin rivalisierende Einzelgänger. Ein nationales Gremium reichte die Essener und die Görlitzer Bewerbungen an die EU-Jury weiter. Dort fiel am 11. April 2006 die Entscheidung zugunsten von „Ruhr 2010“.
Die Kulturhauptstadt, so ist es in den Vergabekriterien der EU vermerkt, soll nicht nur den hehren Zielen dienen und durch die Künste den kontinentalen Zusammenhang stärken, sondern auch die Tourismuswirtschaft beflügeln. Eine Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little Austria in Wien bescheinigt dem Förderprogramm große Erfolge: Weimar verbuchte 1999 ein Besucherplus von 56,3 Prozent gegenüber den Vorjahren, Bologna schaffte 2000 plus 10,1 Prozent; Salamanca 2002 plus 21,6 Prozent; Luxenburg 2007 plus 6,7.
Die Weltstadt Istanbul hat für ihr Event-Jahr 2010 einen Etat von 600 Millionen Euro. Linz, Kulturhauptstadt 2009, hatte 73 Millionen. Und Fritz Pleitgen musste mühsam rund 60 Millionen zusammenkratzen: 18 vom Bund, 12 vom Land, 12 vom Regionalverband Ruhr, 6 von der Stadt Essen, 1,5 von der EU. Dazu kommen 8 Millionen von Sponsoren, plus Einnahmen aus Eintrittsgeldern und Merchandising.
Pleitgen sagt: „Wir wollen der Region einen entscheidenden Entwicklungsschub geben. Und zwar mithilfe der Kultur. Nach Kohle und Stahl ist die Kultur der neue Treibstoff.“
Achim Prossek, Dozent für Raumplanung an der Universität Dortmund, beschäftigt die Vision der Metropole Ruhr. „Die Frage ist, ob 5,3 Millionen Menschen allein schon das Potenzial für eine Metropole bilden“, sagt er, „hier sieht es nicht aus wie in anderen europäischen Großstädten, die aus einem Kern heraus gewachsen sind: eine schöne Innenstadt, ein Gründerzeitviertel und Wohngebiete im Grünen. Wir haben hier viele Kerne, keine herausragende Stadt. Das bleibt ein Defizit. Im Ruhrgebiet liegen viele Attraktionen im Raum versprengt. Touristen haben lieber ein klares Zentrum.“
Das verbindende Element der Region ist die Autobahn A40, die nicht gerade eine Champs-Élysées ist. „Ohne Auto bist du hier aufgeschmissen“, sagt Pleitgen, „im öffentlichen Nahverkehr sind hier noch in archaischen Verhältnissen. Da gibt’s noch nicht mal eine einheitliche Spurbreite für Straßenbahnen.“ Eine einfache Fahrt von Duisburg nach Dortmund kostet zudem 10,90 Euro. Durch Berlin, weit über die Stadtgrenzen hinaus, ist das Einzelticket von Potsdam bis Oranienburg für 2,80 Euro zu haben. Das Großereignis Kulturhauptstadt hätte ähnlich wie andernorts Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften Anlass sein müssen, die Verkehrswege zu verbessern. Den Sportvergleich muss die Kultur nicht scheuen: „In ganz Deutschland gehen mehr Menschen in Museen als in Stadien“, sagt Prossek.
Fritz Pleitgen steht vor einer riesigen Karte der Region an der Wand seines Büros. In einige Orte hat er Stecknadeln gebohrt. Sie könnten die kulturellen Höhepunkte markieren. Oder die größten Baustellen. Pleitgen schaut auf das komplizierte Gebilde, das einmal Metropole werden soll, und berichtet: „Ich war in Istanbul. Die sagten: Ja, wir sind etwas Besonderes, wir stehen auf zwei Erdteilen. Ich sage: Wir sind noch besonderer. Wir stehen auf drei Regierungsbezirken: Arnsberg, Münster, Düsseldorf. Dann verläuft hier noch die Grenze zwischen Westfalen und Rheinland. Das ist fast so herbe wie zwischen Asien und Europa.“ Auf dem Weg zur Metropole ist die Kleinstaaterei das größte Hindernis. Raumplaner Prossek sieht langfristig keine Alternative zum Zusammenwachsen: „Die Kulturhauptstadt kann nur ein Anfang sein. In Zukunft wird der finanzielle Druck dafür sorgen, dass sich die Kommunen enger vernetzen müssen.“
Im Grunde ist das Ruhrgebiet eine EU im Kleinen: Alle wissen , dass sie gemeinsame Probleme nur zusammen lösen können. Aber eigene Posten, Verkehrsbetriebe, gar Rathäuser oder Regierungssitze dafür aufgeben? Bislang nicht.
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